Pressestimmen
 
 

Hans Schleif (2011, Deutsches Theater Berlin)

nominiert für den Friedrich-Luft-Preis der Berliner Morgenpost 2011

“Ein Schauspieler erzählt von der Auseinandersetzung mit seiner familiären Vergangenheit. Matthias Neukirch berichtet von den Schwierigkeiten der Recherche, von Dokumenten, die fehlen, er zeigt und beschreibt Bilder, zitiert Briefe und Beurteilungen. Der Schauspieler unternimmt den waghalsigen Versuch, die Vergangenheit mit der Gegenwart zu verschränken. Er gibt viel von sich preis. Das ist berührend, aber auch unangenehm. Er hat über Hans Schleif herausgefunden, dass sein Denken von einem Hang zu Extremen gekennzeichnet war: ein Entweder-oder-Denken, dem Unsicherheiten fremd waren. Sein Enkel macht da das Gegenteil. Exakt das Gegenteil.”

Ronald Meyer-Arlt, Hannoversche Allgemeine Zeitung

 

“Der Suchmonolog schwankt zwischen Unerbittlichkeit im Aufdecken von Verbrechen und der Angst, in der Biografie des Opas tatsächlich einer Untat fündig zu werden. Neukirch ist ein Wissenwollender, der seine Zweifel, Hoffnungen und Ängste nicht versteckt. Er gestaltet einen sehr persönlichen Abend, der gleichwohl auf bizarre Art antike Mythen, Holocaust und Wunderwaffen miteinander verknüpft. Selten ist Geschichte so greifbar geworden.”

Tom Mustroph, zitty

 

Neukirchs Recherche, unangestrengt und gerade dadurch schwer beklemmend, ist der packende Versuch, anhand von Familiendokumenten zu ergründen, wie es geht, dass ein kluger Kopf aus tief bürgerlichem Anstands-Milieu zum Verbrecher wird. Und wie sie sich diese Tragödie im ganz Alltäglichen zusammenzieht. Etwas Furchtbares, lapidar aufgeblättert. Ein netter, ein grauenvoller Tugendbold „in wirklich guten Zeiten“.

Reinhard Wengierek, kultiversum.de

 

HUM - die Kunst des Sammelns (2008, Museum für Naturkunde Berlin)

„HUM“ [lädt] zum Hindernisritt (Parcours) durch die von Ordnungswut (Taxomanie) beseelte Sammlung alles natürlich Gewordenen ein. Der Besucher kann präparierte Spinnen oder Großsäuger, Parasiten oder Geweihe besichtigen, er kann die Vogelbibliothek, den Knochenkeller oder den Schlangensaal durchstreifen. [...] Das klingt ein bisschen nach Langer Nacht der Museen, und tatsächlich hat der Abend einen unbestreitbaren Bildungseffekt. Nur, ganz sicher sein kann man sich nicht, ob man gerade wissenschaftliche Wahrheiten erfahren hat oder doch nur zum Opfer einer künstlerischen Versuchsanordnung geworden ist. [...] Jedenfalls stellt sich im Lauf des Abends heraus, dass sich die Kustoden des Museums auch lustvoll an den eher „künstlerischen“ Aspekten des Ganzen beteiligen; im großen Finale wippen sie, mit ihren Forschungsobjekten wie mit Totemtieren versehen, rhythmisch zu den Liedern der Kellerband Taxotopia.

Berliner Zeitung

 

Die menschliche Ordnung ist immer relativ, der menschliche Ordnungswille aber unermesslich. [...] Davon erzählt „HUM – die Kunst des Sammelns“ [...] Davon, wie die Menschen Erkenntnisse sammeln, sie auf kleine Nadeln pieksen, in Alkohol einlegen oder in großen Vitrinen verstauben lassen. Alles war so zart und doch gleichzeitig greifbar inszeniert, dass einen der Ort, seine Menschen und vor allem die Exponate für Stunden vollständig absorbierten. Man wusste nie, wo man zuerst hinschauen, hinhören oder hinriechen sollte. [...] Diskurskunst im Naturkundemuseum, ziemlich clever inszeniert.

taz

 

HUM –die Kunst des Sammelns entzieht sich jeglicher Einordnung in künstlerische Sparten und lässt sich – um im Sprachgebrauch der Wissenschaftler zu bleiben - taxonomisch keiner bekannten Art zuordnen: Damit begründet das Stück eine neue – bisher namenlose - Spezies. Es hat ein bisschen von Theater, von einer Museumsführung, und ist ein wenig Dokumentation, etwas Tanzperformance, ein bisschen Musik und auch noch anderes. Als „Vorspiel“ des MaerzMusik-Festivals für aktuelle Musik ist HUM genau so falsch und gleichzeitig richtig positioniert, wie es das in einem Theaterfestival oder der „Langen Nacht der Museen“ gewesen wäre. Es stellt Fragen zu Wissenschaft und Kunst und antwortet mit einer sinnlichen Erfahrung derselben.

SWR Baden-Baden

 

„m’ocean“ – eine „Hydrophonie für Wasser und Instrumente“ schafft eine fast meditative Atmosphäre im zentralen Saal des ersten Aktes, verwirrend schön und bedrohlich wie der Ozean. [...] in Akt zwei ist es der nicht minder beeindruckende Schlangensaal, in dem Tänzerinnen dem Zauber der tierischen Bewegung nachspüren – [...] Was ist Wissenschaft? Was ist Kunst? Die Grenzen verschwimmen an diesem Abend [...], und manchmal, wenn etwa schillernde Mikroskop-Bilder an die Wand projiziert werden, wird die Wissenschaft selbst zur Kunst. Der Fellsaal in rosa Plüsch, Zeichnungen im Vogelsaal, Weinprobe in der Schneckenabteilung. Das Angebot ist ebenso vielfältig wie verwirrend. Und die Besucher entscheiden mit der Wahl der „Taxis“ selbst, was sie sehen, hören, riechen möchten. Als Anhaltspunkt dient ein Faltblatt, doch selbst Fleiß- und Ordnungsfanatiker müssen beim Versuch scheitern, an einem Abend auch nur die Hälfte des Parcours zu bewältigen.

Berliner Morgenpost

 


machone @ X Wohnungen (2004, Hebbel am Ufer Berlin)

Einer der Höhepunkte der ersten HAU-Spielzeit... Unterwegs wurde der fremde Mit-Zuschauer zum Sparringpartner, der jede neue Geschichte interpretieren half. Wer zum Beispiel in der von Kindern durchtobten Schmuddel-WG, in die Hannah Groninger und Julian Klein eingegriffen hatten, war Schauspielschüler, wer Originalbewohner?... Auf diesem sozialutopischen Spaziergang durch Kreuzberg gerieten die Grenzen zwischen Realität und Kunst kräftig ins Schwingen.

theater heute, Das Theater des Jahres 2004

 

adsense (2003-2006, u.a. Ballhaus Ost, Hebbel am Ufer, mousonturm)

Die Gedanken kommen ins Laufen. Ein Schwebezustand wird erreicht, nicht in Abstraktion, sondern in Konkretion und Konzentration, ihre Forcierung und ihre Auflösung. Flüssigkeit des Geschehens, keine Bedeutungsstarre oder definierte Festlegung. Labilität im Agieren und Reagieren. Und im Rezipieren. Der Sinn? Die Bedeutung? Entsteht unwillkürlich und zwangsläufig durch den Blick eines Betrachters. Dieser „fremde Blick“ ist das zentrale Element der Inszenierung und findet auf mehreren Ebenen statt: das Publikum guckt und wird selbst angeschaut, auf Bildschirmen blicken Augen zurück, deren Form von Anwesenheit durch die mediale Übertragung ins Schwimmen gerät. Und jeder dieser Blicke weist dem Gesehenen sofort eine Bedeutung zu - „wer guckt, hat recht“. Auch hier zeigt sich Labilität: kleine Änderungen der Blickrichtung bewirken kategoriale Verschiebungen der Bedeutung. Aber wir sind gezwungen, dem Blick eine Richtung zu geben, und somit Bedeutungen vorherzubestimmen ohne sie zu kennen. Sinn entsteht nur im eigenen Blick. Obendrein sind auf den Wänden per Textprojektionen noch andere Bedeutungen zu lesen, die ein automatisches Computer-Spracherkennungssystem live aus dem Geschehen generiert, eine Übertitelung zur verzweifelten Globalisierung der Sinnhaftigkeit, in einer wunderbar hilflosen Poesie. Hat recht, wer schreibt? Am Ende steht auf einer Steinplatte, mit dem Meißel im Laufe der Vorstellung eingraviert: „we are not“. Sie sind. Aber was ist eine Rose?...

Positionen

 

Brain study (2001-2004, Hessischer Rundfunk, Berliner Festspiele)

Man möchte nicht glauben, dass das, was man in Julian Kleins Hörspiel hört, zeitgleich im eigenen Kopf passiert (...) Ein faszinierender Ansatz, der überzeugend umgesetzt wurde. (...) "Brain Study" ist das zweite Stück, in dem Julian Klein sich mit den Vorgängen im Gehirn beschäftigt. Und es ist noch radikaler, als das erste "Innen. Hörstück über das Denken". Es wurde 2002 mit dem Kurt-Magnus-Preis ausgezeichnet. Auch sein zweites Stück lässt in puncto Experimentierfreude nichts zu wünschen übrig.

Funkkorrespondenz

Der rätselhafteste Teil des menschlichen Körpers ist zweifellos jener, der Rätsel löst. (...) Medizinische Meßtechnik trifft Radiokunst. Die Klanginstallation gleicht einem Versuchsaufbau (...) das eigene Gehirn wird mithin zum Bestandteil eines Superhirns. Wer denkt, daß er denkt, denkt nur, wenn der andere denkt. Der Hessische Rundfunk wird Julian Kleins Hörspiel am heutigen Mittwoch zweimal senden, was in der Rundfunklandschaft nicht gerade selbstverständlich ist.

Frankfurter Allgemeine Zeitung

 

Platzende Kometen (2002, Junges Theater Göttingen)

Komponist Antoine Beuger hatte mit Filmerin Els van Riel ein minimalistisches Projekt angepackt, „weiss weiter weit“ betitelt. Es ist zwar spätestens seit John Cages 4’33“ nicht Neues, die Abwesenheit von akustischen (oder optischen) Informationen in Szene zu setzen. Aber es ist doch immer wieder erstaunlich, wie stark dabei die Sinnesorgane des Hörers und Zuschauers geschärft werden. Auf einer scheinbar weißen Leinwand erkennt man nach einer Weile einen minimalen Kontrast, der sich in minutenlanger Verstärkung schließlich als Teil eines Landschaftsreliefs entpuppt. Die leisen, immer gleichen Töne der Musiker, die in großen Zeitabständen erklingen, geben viel Raum zum Lauschen frei. [...] Mit dem „Behr-Khyrsch-Projekt“ hat der Autor Moritz Eggert sein Publikum vor allem zum Lachen gebracht [...] – was da an scheinbar Bedeutungsvollem und schwer Verständlichem geraunt wird, nimmt die für dieses Genre typische Sprache auf die Schippe, das Vokabular von Verhaltensforschern, Versuchsbeschreibungen von Psychologen. Gewürzt ist das Projekt mit schön wackelig gefilmten Unsinns-Umfragen in der Münchner Fußgängerzone. Am überzeugendsten geriet die Wort-Musik-Film-Kombination im Schlussstück des Abends, den „Platzenden Kometen“. Die Texte des 1915 gestorbenen Schriftstellers Paul Scheerbart – eindringlich rezitiert von Jule Kracht – besitzen bei aller absurden Phantastik immer wieder beinahe seherische Qualitäten, zu denen der aus verschiedenen Sequenzen zusammengesetzte Videofilm (Andreas Lorenschat) mal verwirrende, mal optisch unterstreichende Kommentare gab. Die Musik von Stephan Schneider ist ein Crossover verschiedenster Stile. Sie [...] mischt sich bisweilen schön aufdringlich ein und schafft ähnlich mannigfache Stimmungen wie die Bildwelten von Andreas Lorenschat. [...] Es sollte viel öfter Freiraum für solche Grenzüberschreitungen geben.

Göttinger Tageblatt

Vornehmlich sind es die präzise intonierten und dynamischen Klänge und Musikfragmente der Gruppe „a rose is“, die das Tryptichon unter dem Titel „Platzende Kometen“ verbindet. [...] Die angestrebte Einheit der drei Kunstformen erreicht das Projekt in der dritten Uraufführung, die dem Abend auch den Namen gibt: „Platzende Kometen“. Die Klänge im Stil der Neuen Musik mit Anleihen beim Chanson finden ihre Umsetzung auf der Leinwand in rhythmisch-geschwungenen Impulsmustern, die an die glühende Gasmasse explodierender Himmelskörper erinnern. Ein Text-, Bild-, Raum-, Licht- und Klangerlebnis der besonderen Art.

Hessische Allgemeine

 

wir erinnern nicht (2001, Theater im Künstlerhaus Hannover)

Die Töne, die die sechs Künstler aus ihren Instrumenten hervorlocken, widersetzen sich jeder Wiedererkennung... Jeder Deutungsversuch scheitert. Ein Albtraum? Das Publikum schmunzelt irritiert und erleichtert zugleich... Doch das Schmunzeln verebbt sofort, zu verstörend ist das Fehlen von Definitionen... Am Ende entsteht - gerade aus der Deutungslosigkeit heraus - das Gegenteil des Titels: Erinnerung, an Gefühle, an Wertungen, an die Gewissheit sinnlicher Erfahrung.

Trierischer Volksfreund

 

Innen - ich denke ich bin (2000, Hessischer Rundfunk)

"Innen - ich denke ich bin" hat Julian Klein sein Stück genannt, und mit ihm setzt er in die Tat um, was es bislang nur sehr selten, wenn überhaupt je gab: das philosophische Hörspiel... das Stück [wartet] in einigen Passagen mit zu Klang gewordenen Gedanken von so großer Intensität auf, daß man behaupten möchte, das Experiment habe sich durchaus gelohnt... Klein stellt die Verwunderung über alles, was ist, an den Beginn seines Hörspiels, und insofern ist er tatsächlich philosophisch. Er will wissen, was aus dem Denken wird, wenn es wie beim Locked-in-Syndrom mit sich alleine ist, und er stellt selbst dieses Denken in Frage - durchaus nicht nur theoretisch, sondern auch akustisch-sinnlich... Schlagender hätte der Autor den Zusammenhang zwischen Gedanke und Körper kaum nachvollziehen können.

Frankfurter Allgemeine Zeitung